
Ghostly International ist das Label, das gerade eine neue Generation Detroit
einläutet. Matthew Dear ist mit stoischem Angler-Gemüt und mathematischem
Drecksfunk der Mann, der unfreiwillig die Entwicklung forciert. Ein Interview
zwischen Chicken Curry und All American Breakfast.
Angeln mit der 909
Zwölf Stunden saßen sie vorletzte Nacht im Mastering-Studio, von
8 Uhr abends bis 8 Uhr früh. Dann etwas Schlaf und später die Release-Party
der ersten Ghostly-Compilation: Idol Tryouts. Sam Valenti, Labelchef, und Matthew
Dear, musikalisches Herz des Labels, sind aus Detroit. Idole haben sie da wohl
viele, die bekannten Einflüsse eben. Aber ihr Detroit ist auch ein anderes,
eines, wo ihre musikalische Sozialisation Ende der Neunziger stattfand, eines
mit starkem europäischem Einfluss. Matthew Dear kann auch über eine
massive Bassdrum verfügen, aber sein Sound ist staubtrocken und unheimlich
kühl. Gleichzeitig aber leichtfüßig, irgendwie hyperaktiver
Monster-Funk: eingebettet in Micro-Click-House-Ästhetik. Drei Wochen waren
sie in Europa auf Tour. Immer zusammen. Matt spielt und legt auf, Sam nickt
zufrieden mit dem Kopf. Kann er auch. Das Label läuft und erfreut sich
breiter Anerkennung. Alles ist schön. Jetzt sind sie dazu noch ausgeschlafen,
die Sonne scheint und Frühstück wird auf der Terrasse gegessen.
DEBUG: Was ist das für eine Platte, an der ihr neulich gearbeitet habt?
MATT: Mein neues Album für Spectral. Es ist jetzt auch fertig. Im November
wird es erscheinen. Die Stücke sind alle neu, fünf davon mit Gesang.
Das Album soll mehr zum Hören sein. Die EPs waren ja eher trackorientiert.
Unforciert auf Plus 8
DEBUG: Du hattest doch gerade als False ein Album auf Plus 8 veröffentlicht.
MATT: Ja, das war im Mai. Für Plus 8 hatte ich insgesamt zehn Stücke
gemacht. Die haben wir auf drei EPs verteilt und dann eben auf einem Album
zusammengefasst. Das Material ist älter und mit das erste, was ich auf
dem Gebiet gemacht habe. Ich hätte es auch nirgendwo anders veröffentlichen
wollen.
DEBUG: Hast du es nur zu Plus 8 geschickt und dachtest: die oder gar nicht?
MATT: Ein Freund von mir, der für Richie Hawtin arbeitet, hatte ihm eine
CD gegeben. Ich wusste gar nichts davon. Ich selbst gehe alles sehr entspannt
an. Ich habe noch nie ein Demo verschickt, da ich es nicht mag, Sachen zu forcieren.
Ghostly ist ein gutes Zuhause, da mache ich alles und wenn sich daraus anderes
ergibt, ist es schön. Zum Beispiel haben Perlon meine Platten auf Plus
8 gehört und mich auch gefragt. Durch Plus 8 sind viele Leute auf mich
aufmerksam geworden. Alles beruht irgendwie auf Verbindungen. Thats life.
Aber ich gehe nicht los und suche. Bei Freunden macht man das ja auch nicht.
"So, hier ist mein Lebenslauf, sei mein Freund."
DEBUG: Durch welchen glücklichen Zufall hast du Sam getroffen?
MATT: Das war inn Ann Harbor auf einer Party im Haus einer Studentenschaft.
Die feierten dort wilde Feste und hatten diesen großen Keller. Also habe
ich mein Zeug dort aufgebaut. Ich war wirklich so naiv zu denken, jeder würde
Techno mögen. Die ganze Nacht kamen vielleicht zehn, fünfzehn Leute
runter. Sam war einer davon. Er hat mich gehört und dachte ... aber ich
kann ja nicht für ihn reden. (Guckt zu Sam rüber, der zum ersten Mal
von seinem Chicken Curry hochschaut und kauend durch Kopfnicken zustimmt.) Also,
er fand es fantastisch. Er erzählte mir von seiner Idee, ein Label zu gründen
und ein Jahr später war es so weit. "Hands Up For Detroit" von
mir war die erste Veröffentlichung.
DEBUG: Hättet ihr damals gedacht, dass es bald so gut gehen würde?
SAM: Wenn ich das nicht geglaubt hätte, hätte ich erst gar nicht angefangen.
Die Idee hatte ich schon lange und Matthew war der ausschlaggebende Anlass.
Ghostly basiert auf einer Art Boomerang-Effekt: Wir sind die Reaktion auf Europas
Reaktion auf Detroit. Eine Antwort zum geschlossenen Kreis von Techno.
Durch deutsche Musik erleuchtet
MATT: Mich hat der deutsche Minimalismus sehr beeinflusst. Alte Studio 1-Releases.
Ich liebe den rohen, dreckigen Köln-Techno und auch diejenigen, die davon
wiederum beeinflusst sind wie Ricardo Villalobos oder Akufen. Oder die ersten
Perlon-Platten, die ich gehört habe. Die haben mir in einer Zeit, als ich
alles etwas stupide fand, wieder Richtung gegeben. Auf einmal machte Musik wieder
Spaß. Diese kleinen Geräusche, die sie für den Rhythmus verwenden,
und die coolen Gesangs-Samples. Das war schön, aber auch bedeutungsvoll
und gut gemacht. Da habe ich wieder Licht gesehen.
DEBUG: Schön gesagt. Durch deutsche Musik erleuchtet, das hören wir
gern.
MATT: (lächelt verlegen) Ja, alles ist eben von irgendwas anderem beeinflusst.
DEBUG: Wie bist du denn dorthin gekommen? Musikalisch, meine ich?
MATT: Mit sechzehn kam ich nach Detroit, aufgewachsen bin ich in Texas. Ich
habe schon früh Gitarre gespielt, aber irgendwie kam ich in Bands nicht
zurecht, mit den Leuten. Ich wollte mich auf meine Sachen konzentrieren. Also
habe ich mir Maschinen gekauft und war meine eigene Band. Von elektronischer
Musik wusste ich nichts, ich habe irgendwie Popmusik gemacht. Ich kannte schon
kommerzielle Sachen wie Daft Punk. Das gefiel mir auch. In Texas gab es aber
nur Rock und Country-Musik. Als ich dann aufs College in Ann Harbor ging, traf
ich Leute, die nahmen mich zu meinem ersten Lagerhallen-Rave mit. Ich war überwältigt
von der Tatsache, dass so viele Leute zu einer Veranstaltung gehen, die nicht
Mainstream ist. Und die Musik. Danach habe ich meine Produktion auf Techno umgepolt
und bin voll eingestiegen. Für uns als Vorstadt-Kids war es toll, aus dem
normalen Leben auszubrechen, auf die Parties zu gehen, in den Ghettos von Detroit.
Sexy statt sweaty
DEBUG: Wo liegt eigentlich der Unterschied zwischen Ghostly und Spectral?
SAM: Ghostly ist mehr für experimentelle Dinge. Leider denken viele Leute,
dass "experimentell" mit "schwierig" gleichzusetzen ist.
Wir machen einfach Variationen von Pop, eine neue Gestaltung von klassischen
Stilen. Spectral ist dagegen mehr Techno, mehr Dancefloor. Bis auf Matts Sachen
ist das sehr schwer und ruppig. Von ihm kommt nächstes Jahr auch hartes
Zeug raus, das ist aber immer noch sehr funky, sexy und nicht nur sweaty-boys-in-a-room-techno.
MATT: Meine Musik soll für beides sein: um sie zu Hause zu hören und
sich an den verschiedenen Klängen zu erfreuen, aber auch für die Tanzfläche
und dass es früh morgens immer noch groovt.
DEBUG: Wie gehst du an die Musik heran? Wo fängst du an?
MATT: Ich fange mit dem Rhythmus an, mit einem Beat. Das ist einfach, repetitiv,
fast wissenschaftlich. So habe ich dann eine Grundlage zum Arbeiten.
DEBUG: Deine Musik hört sich allgemein sehr kalkuliert und strukturiert
an, so als seist du ein Mathe-Fanatiker und Ordnungsfreak.
Musik aus dem Taschenrechner
MATT: Meine Musik ist sehr strukturiert, das stimmt. Aber ich bin es überhaupt
nicht. Frag ihn. (zeigt auf Sam, der mit seinem Chicken Curry bereits fertig
ist)
SAM: Matt sagt immer, Musikmachen sei wie ein Code, den man knackt. Wenn er
herausbekommt, wie ein bestimmtes Lied gemacht wird, sei es als löse er
eine Gleichung. Er ist nicht der super pingelige Typ, aber er ist ... ja, das
ist wirklich ein Gegensatz (guckt zweifelnd zu Matt, der endlich Zeit hatte,
mit seinem All-American-Breakfast anzufangen)
MATT: (kauend) Nein, die Musik lässt nicht geradlinig auf die Person schließen.
SAM: Irgendwie verkörpert sie schon die Person, aber eben eine Seite, eine,
die man sonst nicht sehen würde, wenn man das auf die minimale Struktur
bezieht. Der textliche Inhalt aber, das ist sie schon.
MATT: Die Produktionsmethoden, das bin ich nicht. Die Musik schon. Die kommt
aus mir heraus, irgendwie total strukturiert und mathematisch, wie du sagst.
Manchmal gab es sogar Zeiten, in denen ich zum endgültigen Anordnen die
Musikdaten exakt halbiert habe und dafür den Taschenrechner rausgeholt
habe.
DEBUG: Siehst du, dachte ich mir doch.
MATT: Wenn ich das mache, denke ich mir aber: Ist das noch schön? Das ist
die andere Seite von mir. Ich bin wohl eine gespaltene Person (lacht). Eine
Seite von mir denkt: "So macht man doch nicht Musik", die andere tut
es aber doch genau so. Der ständige Kampf, die Gefühle und Gedanken
in meinem Kopf durch diese mathematische Barriere zu bekommen.
DEBUG: Klingt nicht sehr emotional.
MATT: Aber das ist es. Letzten Endes kommt es aus meinem Inneren. Mit den Texten
kommen verbale Emotionen rüber, die sind greifbarer. Ich benutze jetzt
auch längere Gesangs-Passagen. Sonst waren es immer Fragmente, die ich
als Instrument eingesetzt habe, um einen bestimmten Beat zu betonen. Jetzt benutze
ich ganze Wörter oder Sätze. Texte ändern vieles.
DEBUG: Singst du die Passagen selbst?
MATT: Ja, ich mache alle Stimmen selbst.
DEBUG: Aber probierst du richtig zu s-i-n-g-e-n?
Angeln nach Dreck
MATT: Es ist einfach nur Sprechgesang. Was meine Arbeit betrifft, bin ich sehr
entspannt. Mir geht es nicht darum Meisterwerke abzuliefern. Wenn ich singe,
probiere ich nicht, wie ein echter Sänger zu klingen. Ich stehe auf die
minimale Herangehensweise. Einfach tun und dann durch dreckige Filter ziehen,
bis es schlimm genug klingt. Ich mag dreckiges Zeug.
DEBUG: "Dreckig", das macht sich immer gut, klingt sexy. Basiert gute
Tanzmusik für dich darauf?
MATT: Ich möchte Musik für Clubs machen. Aber ich mache nun einmal
keine durchschnittlichen Platten. Ich mache detaillierte, fordernde Musik. Wenn
du im Club zum Beispiel eine Platte von Akufen hörst, dann gibt die dir
einfach viel zum nachdenken und verarbeiten. Tanzmusik sollte auch Grips haben.
Ja, das mag ich: brainy dancemusic.
DEBUG: Das klingt tiefsinnig.
MATT: Ich beobachte gern Vorgänge, zum Beispiel Musik und was sie mit den
Leuten anstellt. Ich habe am College Anthropologie studiert, da ging es vor
allem darum Dinge genau zu observieren, zu studieren. Das mag ich.
DEBUG: Hast du den Abschluss gemacht?
MATT: Ja, aber jetzt konzentriere ich mich ganz auf die Musik. Die ist überall
in meinem Leben. Ich arbeite für das Label, mache den Vertrieb, Bürokram
und so. Wo immer ich bin, ist Musik. Ich kann ihr nicht entfliehen.
DEBUG: Überhaupt gar nicht und nie?
MATT: Natürlich schon. Neulich sind meine Freundin und ich ein paar Tage
in die Berge gefahren. So komme ich mal von allem weg und nehme mal die Natur
wahr. Die Balance ist wichtig. Ich kann nicht immer in Clubs gehen, Rauch einatmen
und Maschinen um mich haben. Manchmal muss ich raus. Ich angel sehr gern. Ich
esse zwar keinen Fisch (gerade hatte er sein Bagel mit Lachs zurückgegeben,
da er nicht einmal den Hauch von Fisch-Geschmack ertragen kann), aber angeln
an sich ist schön.
DEBUG: Und wer bringt die Fische um?
MATT: (lacht) Ich schmeiße sie immer zurück ins Wasser.
DEBUG: Ahhhh ...
MATT: Es geht einfach nur darum, dort zu sein. Ich stehe im Fluss, bin von Bäumen
umgeben, von blauem Himmel und nehme alles auf. Das ist meditativ, dieses Warten.
DEBUG: Wow, andere würden sich langweilen und nebenbei lesen oder so.
MATT: (lächelt verschmitzt) Also, um ehrlich zu sein, habe ich meine 909
auch dabei und arbeite nebenher an neuen Songs.
Text von: Katja Hanke