
Vielleicht auch intelligent
Lusine icl. Numbers
Erstmal der Reihe nach: Jeff McIlwain ist 27 Jahre alt und wuchs in Austin,
Texas auf. Seit zwei Jahren lebt er in L.A., dieser Riesenstadt, die neben finsteren
Sachen wie Hairmetal auch gute Dinge wie das Plug Research Label hervorgebracht
hat. Hierher kam er, um an der CalArt Uni Komposition zu studieren. Da er aber
mit allem scheinbar ganz flott ist, hat er da schon längst abgeschlossen
und nebenbei seit 1999 bereits drei Alben (auf Isophlux und U-cover), ein halbes
Dutzend EPs und mehr als 14 Remixe und Compilationbeiträge veröffentlicht.
Schluck. Auf Hymen ist soeben Album Nummer vier erschienen.
Say "maybe" to idm
Systemkritik Start. Ich muss schon gestehen, sobald ein Act das Label IDM (Intelligent
Dance Music) aufgeklebt bekommt, fange ich an, zu grübeln und da ist es
dann wieder
dieses verquere Bild in meinem Kopf. Argh, geh weg
Meist beschließe ich dann, nicht weiter nachzudenken und spar mir die
Anschaffung des Tonträgers und schreibe stattdessen lieber "say no
to idm" unter meine Emails. Albern, aber IDM ist für mich zu oft Musik,
die so geht: Der Sound war in den frühen 90ern hip und neu, geändert
hat sich nicht allzu viel, außer dass das meiste inzwischen aus immer
dolleren Rechnern kommt. Vielleicht ist meine Vorstellung von IDM nur ein Monster
unter meinem Bett, aber vieles klingt auch immer so leicht angeberisch supergut
produziert und verdammt tot, repräsentiert einen schlimmen Konservatismus
in der elektronischen Musik und ist daher Muckertum unter anderen Bedingungen.
Schade. Systemkritik Ende. Natürlich gibt es auch schöne Autechre-Platten
und glorreiche Ausnahmen im Jetzt, eine davon, ihr ahnt es: Lusine icl. Jeff
ist auch wesentlich lockerer und weniger paranoid, wenn er den Zettel mit den
drei Buchstaben zugeschoben bekommt: "Es ist sicherlich eine doofe Schublade.
Um Musik zu vermarkten, braucht es das aber wohl. Das Problem ist nur, dass
IDM inzwischen für einen bestimmten "Sound" steht. Das hat den
Fokus dieser Szene (und auch bei mir selbst) doch stark eingeschränkt.
Bald erkennt man dann aber, dass es auch sehr viel anderes Schönes und
Originelles da draußen gibt. Ich selbst würde meine Musik nicht als
IDM im engeren Sinne bezeichnen. Ich möchte so gut es geht verschiedene
Genres morphen. Das interessiert mich viel mehr und ist auch das, was mich an
der experimentellen Musik, die mich anfangs beeinflusst hat, so sehr faszinierte."
Er spricht vom Morphen und das kann man auch ganz gut hören, denn neben
einem unheimlichen perfekten, lebendigen, crispen Sound hat Jeff es sehr gut
geschafft, dieses endlose Glitzern und Flitzern à la Arovane mit Mitnickrhythmen
zu kombinieren. Auch der Einfluss seiner wieder entdeckten Ambientplattensammlung
lässt sich auf dem neuen Album durchaus raushören. Seine Einflüsse
und Lieblingsmusiken kamen in letzter Zeit vor allem von Susumo Yokota, Brian
Eno, Yo La Tengo, The Sea & Cake, Electric Birds und (yeah!) Seefeel.
Iron City
Der Titel des neuen Albums - "Iron City" - klingt erstmal bedrohlich
und nach Industrial. Die Musik ist aber überhaupt nicht so. Inspiriert
ist der Titel von einem Buch von Don DeLillo: "Jemand hat mir "White
Noise" empfohlen. Der Plot spielt in einer surrealen Stadt in Amerika,
die mich irgendwie an L.A. erinnerte. Daher dachte ich, dass es durchaus passend
sei, ein Album zu machen, dass sich vage auf meine Erfahrungen hier stützt.
Allerdings meine ich das eher etwas abstrakter, für mich geht es vor allem
um ein Hin- und Herspringen zwischen verschiedenen Emotionen." L.A. ist
für Jeff keineswegs die Erfüllung eines (amerikanischen) Traums, denn
"mein Verhältnis zu L.A. ist definitiv eine Hass-Liebe. Diese Stadt
ist weird, das ist schwer zu erklären. Stell dir ein riesiges Einkaufszentrum
in der Wüste vor mit einigen Menschen, die im "Biz" sind. Absolut
klaustrophobisch. Die Musik hier? Manches ist echt okay. Ich höre immer
diesen soulful Housekram im Radio und manchmal mag ich es, manchmal möchte
ich aber auch einfach nur mein Radio klein machen. Aber diese eher "jazzige
Herangehensweise" hat meine Musik sicherlich beeinflusst. Ansonsten zu
L.A.: Stell dir vor an einem Ort zu wohnen, an dem es nur eine Woche im Jahr
regnet. Die restliche Zeit ist sonnig und warm. Klingt nett, ist es aber nicht.
Eigentlich ist es ziemlich deprimierend. Zudem weißt du nicht, was der
Straßenverkehr aus dir machen kann, wenn du die Rushhour hier noch nicht
erlebt hast. Daher denke ich, dass das Album meine Flucht ist, aber ich würde
den Effekt der Stadt auf meine Musik nicht so betonen, obwohl es schon etwas
damit zu tun hat."
Labelhopping?
Jeff hat bisher u.a. auf Labels wie Isophlux, U-Cover, Delikatessen, Carpark
und Eat This Records veröffentlicht. Ist dieses "Labelhopping"
bewusst oder sucht er einfach nur nach den für ihn idealen Bedingungen?
Jeff: "Ich bevorzuge Labels, die eher open minded sind, was ihren Katalog
angeht. Ich weiß nicht, ob ich auf weiteren Labels veröffentlichen
werde oder nicht, aber es müsste schon einen guten Grund geben, wenn ich
das tun sollte." Schrieb er und arbeitete weiter an seinen Remixen und
Stücken für Compilations auf Musik aus Strom, Tigerbeat6 und Sp.ark
Text von: Rene Margraff